Das etwas andere Driftauto
Der Traum vom „Anti Hero“ begann bereits Ende der 2000er Jahre. Damals kaufte sich der zu dem Zeitpunkt noch sehr junge Tim bei Forza Motorsport 3, einem Videospiel, einen Mercedes Benz SL 65 AMG Black Series (R230). Diesen stattete er direkt noch mit Lenkwinkelkits aus. Von da an war ihm klar, dass er genau dieses Auto auch in der Realität einmal als Drifter fahren würde.
Schwierige Suche
Auch Jahre später war der Plan nicht verworfen. Die Suche nach einem passenden Schlachter gestaltete sich allerdings etwas schwierig. Noch bevor diese abgeschlossen war, wurde zumindest schon einmal ein Motor gekauft. Ein 6,0-Liter-M120 aus einem W140. Anfang 2023 endete schlussendlich auch die Autosuche. Es wurde ein 2002er R230 SL 500 aus England. So konnte die Arbeit an dem Projekt beginnen. Wie umfassend das alles noch aus dem Ruder laufen sollte, war dem 27-jährigen Karosseriebaumechaniker zu diesem Zeitpunkt wohl selbst noch nicht bewusst. Großartig Meisterschaften zu gewinnen war zwar nie der Ansporn. Doch durch die Möglichkeit, sich kreativ zu entfalten und der Leidenschaft freien Lauf lassen zu können, führte eines zum anderen.
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Kompletter Umbau zum Driftcar!
Zunächst musste natürlich erstmal der ehemalige Rechtslenker zu einem Linkslenker umgebaut werden. Dafür wurde auf ein Lenkgetriebe eines BMW E46 zurückgegriffen, wofür wiederum der Vorderachsträger umgeschweißt und eine selbstangefertigte Lenksäule eingebaut werden mussten. Auch die Querlenker sind eine eigens angefertigte Lösung. So sorgte Tim für schnellstmögliche, einfache Einstellbarkeit sowie größtmögliche Lenkwinkel. An der Hinterachse wird mittels einstellbarer Sturz- und Spurstangen von der Serie abgewichen.
Da der SL ein Reglement erfüllen muss, wurde an der Karosserie einiges abgeändert und modifiziert. So sind der Wasserkühler und der Tank ins Heck verlegt und baulich durch eine Firewall vom Innenraum getrennt. Ferner wurden ein Acht-Punkt-Käfig eingeschweißt, eine Löschanlage und ein Halo-Schalensitz verbaut. Die Bremsanlage ist um eine stehend verbaute hydraulische Handbremse erweitert und mit Hydraulik-Leitungen von HEL Performance neu aufgebaut.

Reparaturfreundlich gebaut
Da es an der Rennstrecke zwischen den Rennen oft schnell gehen muss, ist es nötig, vieles so reparaturfreundlich wie möglich zu gestalten. So wurden alle Kraftstoff-, Öl- und Kühlwasserleitungen mittels Dash-System gebaut. Dies ermöglicht, Leitungen einfach und schnell zu demontieren, auszutauschen oder zu ändern. Zudem wurden die Black Series-Anbauteile der Karosserie zur Gewichtssenkung und einfacher Austauschbarkeit aus GFK gefertigt. Die schwere Verdeckmechanik und Hydraulik wurden komplett entfernt und durch eine leichte, selbst gefertigte Carbon-Dachhaut ersetzt.
18 Zoll 59°North Wheels-Alus
Die einzigen originalen Karosserieteile, die noch übrig sind, sind die beiden Türen. Da die Fahrwerksauswahl für den R230 leider sehr begrenzt ist, wurde auf ein Gewindefahrwerk von BC Racing zurückgegriffen. Es ist für den Anwendungszweck zwar nicht das Gelbe vom Ei, jedoch vorerst ein guter Anfang. Die Wahl der Räder fiel auf mehrere Sätze 59° North Wheels D-003 in den Maßen 8,5×18 ET35 und 9,5×18 ET20 mit 235/40R18 und 265/35R18. Das auffällige Design des SL wurde, wieder sehr untypisch für diesen Sport, nicht mittels Folie aufs Fahrzeug gebracht. Stattdessen realisierten es die begabten Hände eines befreundeten Tätowierers, ganz klassisch per Spraydose und Stift.
Ungewöhnliche Motorwahl
Das Herzstück des „Anti Hero“ ist der M120-V12-Sauger, welcher den SL unter Seinesgleichen einzigartig macht. Schließlich wird im Driftsport überwiegend auf aufgeladene Motoren zurückgegriffen. Tim wollte einen anderen, eher unkonventionellen Weg gehen und wählte deshalb den Zwölfzylinder, welcher bekanntermaßen in modifizierter Form auch im CLK GTR und Pagani Zonda zum Einsatz kommt.

Formel 1-Klang vom Feinsten
Dieser Fakt und ein virales Youtube-Video eines Japaners, lösten in Tim das Verlangen nach dem perfekten Formel 1-Klang aus. Es folgten diverse wilde Abgaskrümmer-Konstruktionen um dieses Ziel zu erreichen, was man in Tims Youtube-Videos verfolgen konnte. Heraus kam zum Schluss ein Satz handgefertigter Krümmer mit 3D-gedruckten 6-in-1-Sammlern. Diese Lösung klingt laut Tim zwar immer noch nicht perfekt, kommt dem Ganzen jedoch schon sehr nahe. Der Motor läuft mittels frei programmierbarem Steuergerät und selbstgebautem Kabelbaum auf E85-Kraftstoff und atmet frei durch 45-mm-Einzeldrosselklappen von Triumph. Mit diesem Setup erreicht der Motor 515 PS und 620 Nm bei 7.100 Umdrehungen.
Damit gehört er aktuell noch zu den schwächer motorisierten Fahrzeugen, doch Tim steht noch ganz am Anfang. 2024 absolvierten die beiden ihr erstes gemeinsames Drift-Rennen beim „Iron Drift King“ in Feropolis. Seitdem werden stetig weiter optimiert und in der polnischen DMP-Serie fleißig weiter Erfahrung gesammelt. So will Tim mit seinen „Anti Hero“ in der Wertung Stück für Stück weiter nach oben gelangen. Die nächsten Modifikationen an Motor und Hinterachse sind bereits geplant.
Text: Franziska Huber, Bilder: Patrick Bartels

