02-Kult aus England

Einmal kein 2002 turbo-Look…

Der BMW 02, seines Zeichens bekanntlich der Vorgänger des 3ers, ist mittlerweile schon lange zum wahren Klassiker gereift, der bei Jüngern der blau-weißen Marke aus München bis heute einen erhöhten Puls verursacht und zum Schwärmen anregt. So war es ganz offensichtlich auch bei Dave Smith aus Rochester, gelegen in der britischen Grafschaft Kent, rund 50 Kilometer südöstlich von London. Er war vor etwa drei Jahren eigentlich mitten in der Umsetzung eines Projektfahrzeugs auf Basis seines damaligen Mercedes W114. Dann jedoch begegnete ihm in einem Magazin die Verkaufsanzeige für einen BMW 2002 …

Seinerzeit befand sich das Exemplar aus dem Baujahr 1974 noch quasi komplett im Serienzustand mit weißer Lackierung beziehungsweise grün abgesetztem Dach. Als Dave den Münchener Oldie dann in Realität sah, verliebte er sich auf Anhieb in das Fahrzeug oder, wie er sagt, „zumindest in das, was er aus dem Auto würde machen können“. Und so war die Entscheidung schnell besiegelt: Der BMW sollte in Dave seinen neuen Besitzer finden, wobei der Engländer ihn jedoch nicht im eigentlichen Sinne kaufte, sondern kurzerhand gegen seinen Mercedes tauschte.

Tief und breit

Wie bereits angedeutet, war dabei von Beginn an klar, dass der Wagen nicht lange in seinem damaligen Zustand verbleiben würde. Dave hatte bereits große Pläne und begann zuallererst mit der Überarbeitung des Fahrwerks. Diese umfasste nicht nur den Einbau eines Spax-Tieferlegungs-Kits, das unter anderem mit aus Golf 2-Teilen gefertigten Custom-Federbeinen kombiniert ist, sondern darüber hinaus ein Ausschneiden beziehungsweise Vergrößern der vorderen Radkästen. So bleibt in diesen trotz der enormen Tieferlegung von knapp 13 Zentimetern im Vergleich zur Serie genügend Platz für die neuen neun Zoll breiten 15-Zöller, die Dave für seinen 2002 auswählte. Dabei entschied er sich bewusst nicht für die zumeist bei veredelten 02ern eingesetzten BMW- beziehungsweise BBS-Räder, sondern für Minilite-Felgen mit polierten Stufenbetten. Und auch im Übrigen hatte Dave keine Lust auf das typische 2002-Tuning im Look des turbo-Topmodells mit den M-Farben. Und so endete seine Suche nach geeigneten Karosserieverbreiterungen, um die Räder zu bedecken, bei einem Satz Kotflügel-Aufsätzen im JDM-Stil, die eigens für den Einsatz an dem BMW angepasst wurden. Um trotzdem weiterhin genutzt werden zu können, wurden die seitlichen Stoßschutzleisten gekürzt und am Heck trägt der BMW die Schürze eines 2002-Tourings, die an den Seiten kürzer ist als das Originalteil der zweitürigen Limousine. Am Bug wurde die entsprechende Stoßstange hingegen gleich komplett entfernt und stattdessen eine Abschleppöse und eine Frontspoilerlippe ergänzt. Letztere ist, ebenso wie das Pendant auf der Kofferraumklappe, in den USA handgefertigt – beide brechen ferner ebenfalls stilistisch aus dem Mainstream des 2002-Tunings aus. Und last but not least rundet natürlich auch die Marlboro-Racing-Folierung auf Basis der Lackierung in Alpinweiß den ganz besonderen Look des BMWs ab.

Motor komplett erneuert

Neben der Karosserie und der bereits angesprochenen Fahrwerksmodifikation erhielt das unter der Fronthaube arbeitende Aggregat ebenfalls eine aufwändige Überarbeitung. Dabei war diese zunächst eigentlich gar nicht so ausufernd geplant. Ursprünglich nämlich wollte Dave bei den Jungs von RDS Roadsport, mit denen er schon seit Jahren im Rahmen seiner Projekte zusammenarbeitet und sich in dieser Zeit gut angefreundet hat, nur einige Instandsetzungsarbeiten an Zylinderkopf und Co. durchführen. Dann jedoch kam letztlich alles ganz anders, denn nach einem schweren Motorschaden fiel der Startschuss für den kompletten Neuaufbau eines M10-Vierzylinder-Aggregats: Es zeichnet sich unter anderem durch einen aufgebohrten Block mit tii-Kolben, eine erleichterte und feingewuchtete Kurbelwelle, einen bearbeiteten Zylinderkopf mit Piper Cams-Nockenwellen und 45er Weber-Vergaser aus. Hinzu kommen eine E30-Öl- sowie eine elektrische Benzinpumpe, eine Bosch-Zündspule in Kombination Magnecor-Zündkabeln, Samco-Silikonschläuche und ein Custom-Kühler aus Edelstahl. So resultiert eine stattliche Leistung, die sich mit etwa 160 PS beinahe schon auf einem Niveau mit dem originalen 2002 turbo bewegt. Trotz dieser erhöhten Power sorgen bisher noch die werkseitigen Bremsanlagen für Verzögerung – dies wird aber laut Dave nicht mehr lange so blieben, denn ein Upgrade dieser steht als nächstes auf der Umbau-Agenda.

Veredeltes Interieur

Im Innenraum herrscht grundsätzlich weiterhin das bekannte 02-Flair, behielt Dave doch beispielsweise das Armaturenbrett unverändert bei. Dennoch ergänzte er einige Details, die das Cockpit deutlich aufwerten: So dirigiert der Brite seinen bayrischen Oldie nun über ein Nardi-Lenkrad mit Lederkranz und der Schalthebel des manuellen Viergang-Getriebes bekam einen passenden Knauf. Des Weiteren gibt es eine neue zusätzliche Öldruckanzeige, Cobra Classic-Sitze vorne und in den Fußräumen ist neuer Teppich ausgelegt. Und dank der optimierten Fahrzeugdämmung, geht es im Inneren nun deutlich ruhiger zu. So kann Dave auch viel besser dem Klang lauschen, welcher das um eine Bluetooth-Funktion erweiterten Becker Europa-Stereo-Radios aus den 1970ern im Cockpit verbreitet.
Übrigens: Trotz seines gehobenen Alters ist der 2002 keineswegs eine Trailer Queen, deren einziger Zweck es ist auf Ausstellungen und Shows zu glänzen. Dave schätzt es und legt großen Wert darauf, dass der Wagen auch regelmäßig gefahren wird. So legte er beispielsweise die Tour aus der englischen Heimat zum Bimmerfest im niederländischen ‘s-Hertogenbosch, wo auch unser Fotoshooting stattfand, auf eigener Achse zurück.

Technical Facts

Fahrzeugtyp: BMW 2002

Baujahr: 1974

Karosserie: vordere Stoßstange entfernt, Heckschürze vom 2002 Touring, JDM-Style-Kotflügelverbreiterungen, handgefertigter Custom-Frontspoiler, handgefertigter Custom-Heckspoiler, Racing-Abschleppöse an der Front, seitliche Stoßschutzleisten an den Türen gekürzt, Lackierung in Alpinweiß mit Design-Folierung im Marlboro-Racing-Style

Motor: 2,0-Liter-M10-Reihenvierzylinder-Ottomotor, Block aufgebohrt und tii-Kolben eingepasst, Verdichtung erhöht, erleichterte und feingewuchtete Kurbelwelle, Motorkopf bearbeitet und erleichtert, Piper Cams Fast Road-Nockenwellen, Ölpumpe vom E30, elektrische Benzinpumpe, 45er Weber-Vergaser mit Trompeten, Magnecor HT-Zündkabel, Bosch-Zündspule, elektronische Zündung, Samco-Silikonschläuche, Custom-Edelstahl-Kühler, ARF-Öl-Catch Tank, Custom-Edelstahl-Krümmer, komplette Abgasanlage neu mit zwei Abgasendrohren, 160 PS

Kraftübertragung: Viergang-Handschaltgetriebe

Fahrwerk: Spax-Tieferlegungs-Kit, modifiziert mit Custom-Federbeinen inkl. Teilen vom Golf 2 (Tieferlegung ca. 13 cm), Domstrebe im Motorraum

Rad/Reifen: Minilite-Leichtmetallfelgen in 9×15 Zoll ET-25 mit polierten Stufenbetten, Toyo-Bereifung in 195/50R15 und 215/45R15

Bremsen: OEM-Bremsanlage (noch)

Innenraum: OEM-Armaturenbrett, Nardi-Lederlenkrad und -Schaltknauf, Stack-Öldruck-Zusatzanzeige, klassische Cobra-Sitze vorne, Bodenteppiche vorne und hinten neu, komplette Schalldämmung

Multimedia: 1970er Becker Europa-Stereo-Radio mit nachgerüsteter Bluetooth-Funktion

Sonstiges: Batterie in den Kofferraum verlegt, Custom-Scheibenwischwasser-Tank

Dank an: RDS Roadsport (Motoraufbau, Rostbeseitigung, Suche nach mechanischem Fehler), Balls’d (legten das Auto tiefer und verpasstem ihm seine Stance), 3Sixty Wraps (sorgten für die Marlboro-Folierung)