Technik-Special: Strahltechnik

So bringt man Metall zum Strahlen

Sandstrahlen. Diesen Begriff hat sicherlich jeder schon einmal gehört, der sich Oldtimern und insbesondere deren Renovierung beschäftigt. Jedoch hat die Strahltechnik für diese Zielgruppe weitaus mehr zu bieten, als „nur“ Sandstrahlen. Wir haben die Spezialisten von Classic German Motors in ihrem vor wenigen Monaten neu bezogenen Dominizil in Bielefeld besucht und mit Geschäftsführerin Natascha Lührmann für euch die Basics der Strahltechnik, die verschiedenen Strahlmittel sowie deren Einsatzbereiche zusammengefasst. Die 28-jährige Schrauberlady hat mit Classic German Motors ihr Hobby zum Beruf gemacht: Neben der Strahltechnik erledigt CGM auch Werkstattaufträge an luftgekühlten Klassikern, von der kleinen Reparatur bis hin zu Vollrestaurierung.

Theoretisch gesprochen handelt es sich bei der Strahltechnik um ein Teilgebiet der Oberflächentechnik, bei der ein Strahlmittel – beispielsweise Sand – mit hoher Geschwindigkeit auf ein Werkstück gestrahlt wird. Der eingesetzte Energieträger ist hierbei Druckluft. Je nach eingesetztem Strahlmittel kann mittels der Strahltechnik, gereinigt, entlackt, entrostet oder auch verdichtet/veredelt werden. Im Automobil- bzw. Oldtimerbereich werden in der Regel metallische Oberflächen gestrahlt, in anderen Branchen sind jedoch auch nichtmetallische Werkstückmaterialien wie beispielsweise Holz üblich.
Gestrahlt wird bei Classic German Motors in abgeschlossenen, gut durchlüfteten Kabinen – vom Aufbau her ähnlich den Lackierkabinen – mit einer je nach Situation und Aufgabenstellung größeren oder kleineren Lanze, welche das Strahlmittel emittiert.

Die Strahlmittel

Für den Oldie-Bereich lassen sich die verschiedenen Strahlmittel wie folgt zuordnen, wobei Ausnahmen – wie üblich – die Regel bestätigen:

Trockeneis: Reinigen
Kunststoff: Entlacken
Granatsand: Entrosten
Glasperlen: Verdichten / Veredeln

 

Trockeneisstrahlen / -reinigen

Beim Trockeneisstrahlen, auf Englisch dryice blasting genannt, wird als Strahlmittel Trockeneis eingesetzt. Die Bezeichnung ist leicht irreführend, wird „Eis“ doch schnell mit „Wasser“ assoziiert. Das Trockeneinstrahlen hingegen ist – nomen est omen – eine komplett trockene Angelegenheit, ist das Strahlmittel doch recyceltes Kohlenstoffdioxid, welches angesichts einer Lager- und Verarbeitungstemperatur von -79 Grad Celsius einen festen Aggregatzustand angenommen hat. Diese festen Trockeneisstäbchen von wenigen Millimetern Länge werden von rund 5.000 Litern Luft pro Minute durch die Lanze beschleunigt und treffen dann mit Schallgeschwindigkeit auf die zu reinigende Oberfläche. Treffen sie auf den zu entfernenden Schmutz, beispielsweise Unterbodenschutzreste, werden sie lokal unterkühlt und so versprödet. Nachfolgende Trockeneispartikel dringen weiter hinein und sublimieren. Das bedeutet: Das feste Trockeneis geht in den gasförmigen Aggregatzustand über – ohne Verflüssigung. Bei diesem Wechsel des Aggregatzustands vergrößert das Kohlenstoffdioxid sein Volumen schlagartig um das 700- bis 1000-fache. Dabei sprengt es den Schmutz regelrecht von der Oberfläche ab und legt beispielsweise Lackflächen oder Metalloberflächen frei, ohne diese zu beschädigen. Vorteile des Trockeneinstrahlens sind, dass es durch seine nicht vorhandene Abrasion schonend mit den umliegenden Bereichen umgeht. Das macht es sogar möglich, zeitsparend am vollständig fahrbereiten Auto zu strahlen. Zudem hinterlässt Trockeneis als Strahlmittel keine Rückstände und ist ökologisch, da keine Reinigungsmittel oder Chemikalien zum Einsatz kommen.

Trockeneisstrahlen vorher
Trockeneisstrahlen nachher

 

Kunststoffstrahlen

Beim Kunststoffstrahlen (engl. plastic blasting oder plastic media blasting) kommt als Strahlmittel Kunststoffgranulat zum Einsatz, welches frei von metallischen Partikeln ist. Auch das Kunststoffstrahlen ist ein materialschonendes, nicht abrasives Strahlverfahren. Es wird häufig angewendet, um Oberflächen (beispielsweise Oldtimer-Karosserien) zu entlacken oder zu entpulvern. Die Vorteile: Mit dem weichen Kunststoffgranulat als Medium kann verzugsfrei, trocken und ohne Verwendung von Chemikalien entlackt und gereinigt werden. Kunststoffstrahlen ist so schonend, dass es geschliffene oder verzinkte Metalloberflächen sowie Glasflächen nicht beschädigt. Eine erhaltenswerte Originalsubstanz bleibt also bestehen und ist perfekt für Grundier- und anschließende Lackierarbeiten vorbereitet. Wie das Trockeneisstrahlen kann auch Kunststoffstrahlen teilweise ohne Demontage der zu strahlenden Bereiche erfolgen. Im Gegensatz zu Trockeneis, welches während seines Einsatzes verschwindet, ist Kunststoffgranulat als Strahlmittel wiederverwendbar. Die Kehrseite: Für die Entrostung ist es demgemäß nicht kraftvoll genug, sodass vorhandene Roststellen punktuell nachgearbietet werden müssen. Beispielsweise mittels des Sandstrahlens.

Kunststoffstrahlen vorher
Kunststoffstrahlen nachher

 

Sandstrahlen

Im Gegensatz zu den vorgenannten Strahlmitteln geht es beim Sandstrahlen (engl. sand blasting) richtig „zur Sache“. Der hier in unterschiedlichen Kalibern eingesetzte, rote Granatsand reinigt selbst stark verunreinigte und korrodierte Oberflächen von Rost, Altlack und hartnäckigen Verschmutzungen. Dafür aber ist das Verfahren auch recht stark abrasiv und verdichtet nicht. Es hinterlässt also blanke Oberflächen, welche zur schnellen Flugrost-Ansetzung neigen. Auch Granatsand ist als Strahlmittel wiederverwendbar. Die zu strahlenden Teile / Oberflächen sollten jedoch demontiert werden – schließlich kann Sandstrahlen auch genutzt werden, um beispielsweise Glas vorsätzlich zu mattieren.

Sandstrahlen vorher
Sandstrahlen nachher

 

Glasperlenstrahlen

In gewisser Weise ein Sonderfall ist das Glasperlenstrahlen, auch glass bead blasting genannt. Dieses Verfahren, bei welchem feines Glasgranulat als Strahlmittel eingesetzt wird, wird oft als Vorarbeit für Aluminiumteile angewendet, um diese anschließend weiter bearbeiten zu können. Es eignet sich insbesondere gut, um sehr feine und kleine Werkstücke zu entrosten. Zudem hat es die Eigenschaft, Oberflächen und Schweißnähte zu reinigen und zu verdichten. Durch das Glasperlenstrahlen entsteht durch den leichten Abtrag eine spürbar aufgeraute, schmucke Oberfläche, welche geradezu neuwertig in seidenmatter Optik erscheint. Zudem kann durch ein Gleitschleifverfahren zusätzlich verdichtet und poliert werden.

Glasperlenstrahlen vorher
Glasperlenstrahlen nachher

 

Selbstverständlich kommen die verschiedenen Strahlmethoden und -mittel auch in sinnvollen Kombinationen zum Einsatz. Beispielsweise zunächst die Reinigung per Trockeneinstrahlen, dann eine Entlackung via Kunststoffstrahlens oder Entrostung per Sandstrahlens. Jedenfalls sollte die Aufgabenstellung an die „Strahler“ vor Arbeitsbeginn klar defniert werden. Und eines sollte den Auftraggebern von Strahlarbeiten bewusst sein: Diese sind seltenst der Abschluss, sondern im Regelfall erst der Anfang eines Instandsetzungsprozesses. Natascha Lührmann von Classic German Motors lächelt: „Wenn ein Kunde zu mir sagt, dass er natürlich nicht möchte, dass durch die Strahlarbeiten weitere Anschlusskosten auf ihn zukommen, dann rate ich ihm von der Auftragserteilung eher ab. Denn unsere Arbeit offenbart immer die Wahrheit – und die ist manchmal unangenehm.“ Dennoch ist die Strahltechnik, und insbesondere das Trockeneisstrahlen der Königsweg, um eine saubere Basis zu schaffen, auf der sich die Sachlage beurteilen und weiter Arbeitsschritte einleiten lassen.

Auf übersichtlichen Displays veranschaulicht Classic German Motors bereits im Eingangsbereich die unterschiedlichen Strahlmethoden.

 

Wer den Strahltechnikern helfen und damit nicht zuletzt bares Geld sparen möchte, der kann ggf. nötige Demontagearbeiten der zu strahlenden Teile sowie deren Vorreinigung (Entfetten, Entölen, Entwachsen etc.) übernehmen. Zudem können durch den Strahlprozess gefährdete, benachbarte Stellen demontiert oder abgeklebt werden. Unterlassen werden sollten hingegen selbständige „Hilfen“ in Form von Schleifarbeiten oder Ähnlichem, welche in Anbetracht anstehender Strahlarbeiten im Regelfall mehr kaputt als besser machen.

Alle weiteren Informationen zu Classic German Motors und den möglichen Strahlarbeiten gibt es direkt bei:

CGM classic german motors GmbH & Co KG
Schelpmilser Weg 16
33609 Bielefeld
Tel: 0521 / 30516960
E-Mail: info@cg-motors.de
www.cg-motors.de