VW Passat B1 Variant

VW Passat B1 Variant

Wenn man Eltern und Großeltern glauben darf, war „früher alles besser“. Das Essen schmeckte noch nach Essen und nicht nach Aromastoffen, es gab die D-Mark, es gab „Made in Germany“ als Gütesiegel und man starrte nicht unentwegt auf sein Smartphone und „checkte“ E-Mails, sondern unterhielt sich auf Partys miteinander.

Manch einer wünscht sich die „gute alte Zeit“ auch beim Auto zurück: Ach wie schön das damals war, ohne Partikelfilter beim Diesel. Frei Rußen ohne grünen Plakettenzwang für Umweltzonen. Kein Kat, der dem Abgasstrom im Weg stand und den Sound beschränkte. Auch die Technik und Elektronik war viel weniger anfällig für Störungen – es gab ja auch kaum Steuergeräte und Sensoren in den Autos.

Ein weiterer Aspekt, den wir glatt unterschreiben würden, ist die Übersichtlichkeit. Dank dicker A-Säulen und eingeschränkter Rundumsicht muss man heutzutage beim Abbiegen doppelt so aufmerksam sein, damit sich nicht doch ein Fußgänger oder Radfahrer dahinter versteckt. Damals war das anders. So auch beim VW Passat von Alexander Elsässer. Der 39-jährige betreibt eine KFZ-Werkstatt in Heilbronn und hat vor einigen Jahren sein Hobby zum Beruf gemacht.

Den „Mami-blauen“ 1976er VW Passat Variant der ersten Stunde hat Alexander vor vielen Jahren aus Südfrankreich nach Deutschland gebracht. „Rostfrei, aber mit Kratzern und Beulen“, beschreibt er den Zustand heute. „Damals war das ein echter Lastesel“, sagt er und legt zum Beweis die Rücksitzbank um. Laderaum ohne Ende, praktisch und nahezu endlos – daran können sich so manche „Lifestyle“-Laster von heute eine Scheibe abschneiden. Alexander lobt die gute Rundumsicht in seinem Auto. Kein Wunder: Im Gegensatz zu heute waren A-, B- und C-Säulen nur ein Viertel so dick und Kopfairbags noch nicht einmal ein Fremdwort geschweige denn Serienausstattung.

Fahrwerk Marke Sonderanfertigung!

Der Passat wurde behutsam restauriert und wieder aufgebaut. Nicht zu vergessen dabei: Er wurde auch schön flachgelegt. Die kantige Karosserie mit den vielen Winkeln so tief auf dem Asphalt kauern zu sehen, ist schon beeindruckend. Vor allem gibt es für diesen Typ nichts von der Stange. Man kann nicht so einfach ein Fahrwerk im Online-Shop seiner Wahl in den Warenkorb legen und auf „Bestellen“ klicken. Das schraubbare Setup ist eine Sonderanfertigung seiner Firma und sorgt für eine um gut 120 Millimeter reduzierte Bodenfreiheit.

An den Achsen drehen sich dreiteilige Ronal Racing-Alus in 6×16 ET35. Die Spurverbreiterungen (vorne 15 und hinten 30mm stark) sind so angefertigt, dass deren Mitten gleichzeitig als Nabenabdeckung für die Felgen dienen. 165/40er Nankang-Reifen dienen als Haftvermittler für die Straße. Die Karosserie wurde an den Radläufen ein kleines bisschen bearbeitet und bekam 2002 eine Neulackierung im originalen Farbton „Miami-blau“. Kaum zu glauben, dass die Farbpaletten in den späten Siebzigern so mutig waren.

Um rechtzeitig am Wörthersee mitfiebern zu können, brauchte Alexander eine frische Maschine für den Passat und baute kurzerhand ein Triebwerk aus einem Golf 1 GTI ein. Mit seinen 112 PS ist der gepowerte VW Passat stark genug für lange Ausfahrten. Die erste davon führte mit frisch installiertem GTI-Motor direkt 700 Kilometer an den Wörthersee. Da ist er wohlbehalten angekommen, ohne Panne, ohne Probleme. Dafür etwas verschwitzt, weil der Passat keine Klimaanlage besitzt. War früher wirklich alles besser?

Technical Facts

Fahrzeugtyp: VW Passat B1 Variant

Baujahr: 1976

Motor: Umbau auf „DX“-Aggregat vom Golf 1 GTI mit K-Jetronic, neuen Ventilen und Ventilführungen sowie Schaftdichtungen, einige Motorteile mit Schrumpflack lackiert

Getriebe: vom Passat 32B 90 PS Modell, Kupplung vom 70 PS Passat

Fahrwerk: Sonderanfertigung von Fahrzeugtechnik Ellsässer mit Gewindefederbeinen vorne und Tieferlegungsfedern hinten, ca. 120mm tiefer

Räder: 3tlg. Ronal Racing Sonderanfertigung in 6×16 ET35, 15/30mm Spurverbreiterungen an Vorder-/Hinterachse mit integrierten Nabenabdeckungen, Nankang Reifen in 165/40 R16

Bremsen: vorne Golf 1 GTI Bremse, hinten Serien-Trommelbremsen

Karosserie: Radläufe umgebördelt und versiegelt, Dellen und Kratzer beseitigt, Neulackierung in „Miami-blau“

Innenraum: Alles original, Interieur gereinigt, Passat 32B-Schalthebel

Dank an: Markus „Car Wrapping“ Kuhnert, Bruder Jan

 

Text & Fotos: Igor Vucinic