Audi RS4 Avant TurboZentrum

Time Attack-Kombi mit 855 PS

Kombis erfreuen sich auf dem Automobilmarkt anhaltender Beliebtheit: Sowohl Familienväter als auch Handlungsreisende schätzen ihr großzügiges Raumangebot, ihre Variabilität, ihren Fahrkomfort und nicht zuletzt auch ihre sportlichen Formen. Hinzu kommt, dass inzwischen auch Kombi-Versionen unzähliger Sportversionen der jeweiligen Baureihe verfügbar sind, vom Golf R Variant bis hin zum Mercedes-AMG E 63 S T-Modell. Auf der Rennstrecke allerdings besitzen die praktischen Alleskönner nach wie vor absoluten Exotenstatus – so wie der hier gezeigte Time Attack-Audi RS4 Avant des Teams TurboZentrum.

Mit dem zur laufenden Motorsport-Saison unter technischer Leitung von Björn Wisbar komplett neu aufgebauten RS4 tritt das Team TurboZentrum in der German Time Attack Masters-Rennserie an, welche wir auf den vorangegangenen Seiten bereits ausführlich vorstellten. In der Klasse „PRO 4WD“ trifft der deutsche Kombi in der Hauptsache auf asiatische Gegner, fightet gegen Mitsubishi Lancer Evolution-, Subaru Impreza WRX STI- und Nissan Skyline GT-R-Modelle um die schnellste Rundenzeit. Während im besonders die ersteren beiden Kontrahenten in puncto Fahrzeuggewicht und Gewichtsverteilung konstruktiv zunächst überlegen sind, fürchten sie doch den bärenstarken 2,7-Liter-Biturbo-Motor des Power-Kombis: Mit einer Leistung von 855 PS und einem maximalen Drehmoment von 1.060 Nm, welche jeweils bei 4.200 U/min entwickelt werden, ist der RS4 der unumstrittene Kraftsportler im PRO 4WD-Feld.

Power-Kooperation: TurboZentrum, PPR, Schüler Turbo

Der für so viel Dampf sorgende Sechszylinder-V-Motor wurde von den Technikern des Team TurboZentrum in Kooperation mit den Unternehmen PPR-Parts Performance Racing, dessen Geschäftsführer André Schulze auch Fahrer des Time Attack-Audis ist, und Schüler Turbo komplett neu aufgebaut. Um ihn für die zu erwartenden Belastung zu wappnen, wurde der V6-Block gleich mit einer Versteifungsplatte und geänderten Hauptlagerblöcken versehen. Daneben wurden die Zylinderköpfe und das Saugrohr bearbeitet sowie die Ventilsitze und -führungen modifiziert. Die werksseitigen Hydrostößel mit automatischem Ventilspielausgleich wurden durch einen starren Ventiltrieb mit geänderten Federn ersetzt. Zum Tanz gebeten werden die Ventile von bereits im Hinblick auf die spätere Motorsoftwareabstimmung durch Schüler Turbo im gleichen Hause angefertigte Nockenwellen.

Die schärfsten „Waffen“ des V6-Triebwerks aber sind zweifellos seine beiden TZ K16-Turbolader, welche via eines maßangefertigten Gusskrümmers angeflanscht wurden und einen Overboost von 2,5 Bar sowie einen Haltedruck von 2,3 Bar aufbauen. Der Ladeluftkühler wurden ebenso unter Verwendung eines Spezial-Netzes von PPR angefertigt wie der Wasserkühler. Nach der Installation von JE-Kolben mit beschichteten Seitenwänden auf Pauter-Pleueln wurden die gesamte Kurbelwellen-Einheit mitsamt Schwungrad fein ausgewuchtet. Den gewaltigen Benzindurst des V6-Triebwerks stillen zwei Bosch 044-Benzinpumpen, welche so konfiguriert sind, dass jede Zylinderbank über eine eigenständige Kraftstoffversorgung verfügt (2x Vorlauf / 2x Rücklauf).

Hardware-Upgrades für Antrieb, Bremsen und Fahrwerk

An das manuelle 6-Gang-Schaltgetriebe übertragen werden die Bärenkräfte des Biturbo-Motors von einer Sachs RCS 200-2-Scheiben-Kupplung. Für eine optimierte Traktion der Vorderräder wurde als Upgrade noch eine Lamellen-Differenzialsperre mit maximal 70 Prozent Sperrwirkung installiert. Die den auftretenden Belastungen auch im harten Wettbewerbsbetrieb gewachsenen Kardan- und Antriebswellen stammen aus dem Programm des Driveshaft Shop.

Um dem Biturbo-Kombi auch eine seinem enormen Vorwärtsdrang adäquate Negativbeschleunigung zu ermöglichen, rüstete das Team TurboZentrum seine Bremsanlage erheblich auf. An der Vorderachse pressen nun die mächtigen 8-Kolben-Sättel des Nachfolgemodells RS4 B7 ihre Pagid RST-Beläge auf die gelochten 365×34-Millimeter-Bremsscheiben. Hinten blieb es bei RS4 B5-Sätteln, welche Pagid RS29-Pads an 312er Scheiben reiben.

Speziell nach den Vorgaben von PPR-Parts Performance Racing – und damit nach den individuellen Wünschen des RS4-Piloten André Schulze – in puncto Feder- und Dämpferkennlinien wurde das Clubsport-Fahrwerk von H&R angefertigt. Uniball-Lagerung vorn und hinten von 034-Motorsport präzisieren das Fahrverhalten zusätzlich.

Entsprechend dem PRO 4WD-Reglement der German Time Attack Masters ist der Allrad-Rennkombi nicht auf Slicks unterwegs, sondern überträgt seine Antriebs-, Brems- und Seitenführungskräfte via straßenzugelassener Michelin Sport Cup2-Bereifung der Dimension 265/35R18 rundum auf den Asphalt, welche auf in FlowForming-Technologie gefertigte ATS Racelight-Felgen in 9,5×18 Zoll montiert wurden.

Kein großes Flügelwerk

Im Gegensatz zu den meisten seiner Time Attack-Kontrahenten ist der TurboZentrum-RS4 ohne zusätzliche Flügel und Spoiler unterwegs. Für Außenstehenden weitgehend unsichtbar ist so, dass die vorderen Kotflügel, der Heckspoiler und die Heckklappe aus Gründen der Gewichtsersparnis von Mücke Carbon und Kunststofftechnik aus GFK angefertigt wurden. Ebenfalls ein paar Pfunde verlor der Rennwagen durch die Installation einer Carbon-Motorhaube und von Polycarbonatscheiben mit Schiebefenstern von Gropp Racing.

Am augenfälligsten aber ist der Leichtbau, welcher den Audi von serienmäßigen 1.620 Kilogramm auf sein heutiges Kampfgewicht von 1.440 Kilogramm abspeckte, natürlich im Innenraum. Von Kombi-typischem Nutzwert ist hier keine Spur mehr: Der Rennwagen wurde komplett ausgeräumt und von jeglichen Dämmstoffen sowie Verkleidungen befreit. Das nackte Blech wurde dann ebenso in der Wagenfarbe Ibisweiß lackiert wie die eingeschweißte Sicherheitszelle nach DMSB-Norm von Pleie-Sport. Das Team gönnt sich den Luxus neben dem Corbeau-Vollschalen-Fahrersitz mit Schroth-6-Punkt-Gurt auch noch eine identische Kombination für einen eventuellen Renntaxi-Gast an Bord zu haben. Der Fahrer hat von seinem Platz hinter dem tief geschüsselten OMP-Rennsport-Lenkrad perfekten Zugriff auf den langen Hebel des CAE-Shifters.

Erfolgreiche Premierensaison

Nachdem der TurboZentrum-Time Attack-Renner in seiner hier gezeigten Form erst im vergangenen Frühsommer fertiggestellt und ersten Testfahrten unterzogen wurde, startete er gleich erfolgreich in die Time Attack-Saison: Beim ersten Lauf am Lausitzring platzierte sich André Schulze auf Rang 2 im PRO 4 WD-Klassement, bevor er beim zweiten Lauf auf dem Nürburgring nach einem ärgerlichen Verbremser in der Hotlap immerhin noch einen Platz tiefer auf dem Podest stehen durfte. Beim dritten Saisonlauf im niederländischen Assen musste André Schulze seinen RS4 aufgrund eines Getriebeschadens leider frühzeitig abstellen, dafür aber feierte er beim Saisonfinale am Nürburgring mit dem ___. Platz der PRO 4WD-Kategorie ein gelungenes Comeback, sodass das Team die Premierensaison des schnellen Kombis mit einem ____. Platz in der Meisterschaftswertung zufrieden abschloss.

Im kommenden Jahr wird der RS4 übrigens neben seinen Time Attack-Einsätzen auch abseits der Rundkurse zu sehen sein: Geplant ist die zusätzlich Teilnahme an Sprint-Wettbewerben auf der 1/4- und 1/2-Meilen-Distanz. Auch dort dürfte der Power-Kombi für so manche Überraschung sorgen!

Technical Facts

Fahrzeugtyp: Audi RS4 B5

Baujahr: 2001

Motor: Sechszylinder-V-Motor, aufgebaut in Kooperation mit TurboZentrum, PPR-Parts Performance Racing und Schüler Turbo, Block mit Versteifungsplatte und geänderten Hauptlagerblöcken, Lagergasse neu gebohrt, Kurbelwelle mit Schwungrad gewuchtet, Pauter-Pleuel, JE-Kolben mit beschichteten Seitenwänden, Zylinderköpfe und Saugrohr bearbeitet, geänderte Ventilsitze und -führungen, SchülerTurbo-Nockenwellen (Sonderanfertigung), starrer Ventiltrieb mit geänderten Federn, Gusskrümmer (Sonderanfertigung), TZ K16-Turbolader, Wasser- und Ladeluftkühler von PPR mit Sondernetzen, zwei Bosch 044-Benzinpumpen (2x Vorlauf / 2x Rücklauf), Abgasanlage (Sonderanfertigung) 2x 70 mm auf 88,9 mm mit 2x 70-mm-Endrohr, Softwareabstimmung von Schüler Turbo Technik

Hubraum: 2.705 ccm

Leistung: 629 kW / 855 PS bei 4.200 U/min

max. Drehmoment: 1.060 Nm bei 4.200 U/min

max. Ladedruck: 2,5 Bar (Overboost), 2,3 Bar (Haltedruck)

Gewicht: ca. 1.440 kg

Kraftübertragung: manuelles 6-Gang-Schaltgetriebe mit Lamellen-Differenzialsperre vorne (max. 70 %), Sachs RCS 200-2-Scheiben-Kupplung, Kardanwelle und Antriebswellen von Driveshaft Shop

Fahrwerk: H&R-Clubsport-Fahrwerk (Spezialanfertigung nach Angaben von PPR), Uniball-Lagerung vorn und hinten von 034-Motorsport

Rad/Reifen: ATS Racelight-Felgen in 9,5×18 Zoll, Michelin Sport Cup2-Bereifung in 265/35R18

Bremsen: VA Audi RS4 B7-Bremsanlage (8-Kolben-Sättel, gelochten 365×34-mm-Scheiben, Pagid RST-Beläge), HA Audi RS4 B5-Bremsanlage (1-Kolben-Sättel, gelochte 312×22-mm-Scheiben, Pagid RS29-Beläge)

Karosserie: Mücke-GFK-Kotflügel , Mücke-GFK-Heckspoiler, GFK-Heckklappe, Carbon-Motorhaube, Gropp Racing-Polycarbonatscheiben mit Schiebefenster, Lackierung in Ibisweiß

Innen: komplett ausgeräumt und in Ibisweiß auslackiert, Sicherheitszelle nach DMSB-Norm von Pleie-Sport, Corbeau-Vollschalensitze, Schroth-6-Punkt-Gurte, Kabelbaum erleichtert, CAE-Shifter, Not-Aus-Schalter

Text & Fotos: Sebastian Brühl