Zwei Rallye-Käfer nach alter Väter Sitte
Ein beschaulicher Sonntagvormittag im malerischen Oberen Aischtal. Der kleine Markt Ipsheim ist hier von Weinbergen und den Landschaftszügen der Naturparks Frankenhöhe und Steigerwald umfangen. Es ist ruhig, vereinzelt tönt das Läuten von Kirchglocken durch die Landschaft. Doch dann: Das unverkennbare Bollern und Brabbeln kleinvolumiger Boxermotoren kündig sie an, bevor Thomas Schuster und Holger Bauer mit ihren Ovalis um die Ecke fegen. Wir sind mit den optisch und technisch eng verwandten Old Speed-Käfern zum Fotoshooting verabredet.
Und es ging einfach nicht anders: Die ersten Aufnahmen mussten wir von den 1957er Käfern gleich in ihrem natürlichen Habitat machen – in Action auf kleinen Feld- und Waldwegen nämlich, denn genau dafür sind die Rallye-Käfer gebaut!

Das auffälligere Auto ist zweifellos Thomas’ Hazet-Ovali mit der Startnummer 153: Als passionierter Sammler des historischen Kult-Werkzeugs war es für den 43-jährigen Physiotherapeuten, der bereits seit mehr als 20 Jahren an Luftis schraubt und im Schnitt alle zwei drei Jahre ein neues Projekt auf die Räder stellt, natürlich eine Frage der Ehre auch einmal das klassische Hazet-Werkstattwagen-Design auf einen Old Speed-Käfer zu bringen. Doch das war gar nicht so einfach, wie sich Thomas erinnert: „Die hellblaue Grundfarbe ist das historisch passende Hazet-Hellblau der 50er Jahre. Hierzu muss man allerdings wissen, dass das Hellblau über die Jahrzehnte mehrfach im Farbton geändert wurde. Um das richtige 50er-Jahre-„Hellblau“ zu finden, hat es mehrere Versuche gebraucht. Da es von diesem speziellen Farbton keine Farbnummer mehr gibt und selbst Hazet keine Farbnummer von damals mehr hat, habe ich habe zusammen mit meinen Farben-Mischer mehrfach anhand einer NOS-Werkzeugbox Farbmuster angemischt. So lange bis das Ergebnis überzeugte. Die Grafiken entsprechen der Hazet-Werbefigur „Hazet Harry“ der 50er Jahre, ebenso stammt der Slogan ‚Hazet heißt Zuverlässig‘ aus dem Hazet-Werbeprogramm der 50er.“
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Doch bis Thomas die Farbe und die Grafiken eigenhändig aufbringen konnte, war es ein weiter Weg: Die Ovali-Karosserie wurde aus Einzelteilen verschiedener Spenderfahrzeuge um das Fahrgestell herum neu aufgebaut, wobei Thomas Kumpel Markus Zoll im in vielen Stunden zur Seite stand. „Wo immer es ging, haben wir Originalteile verwendet, überwiegend aus Schlachtautos der letzten 30 Jahre. Das Ziel war es, ein Spaßauto zu bauen, aus Teilen welche vorhanden waren“, sagt Thomas. Dabei realisierten die Freunde auch gleich einige Custom-Lösungen. So wurden in die Fronthaube ein mittiger Zusatzscheinwerfer sowie ein Tankeinfüllstutzen à la Porsche 356 integriert. Die Motorhaube hinten erhielt sechs Lüftungsschlitze vom „Cremeschnittchen“ Renault 4CV.
Darunter: ein klassischer Old Speed-Boxermotor! Zahlreiche Bauteile des in seiner Basis schmale 30 PS leistenden 1200er wurde von Ahnendorp B.A.S. aufwändig überholt und verbessert. Dazu erleichterten und wuchteten die Spezialisten aus Isselburg die Kombination aus Kurbelwelle und Schwungrad und steuerten einen Edelstahl-Auspuff mit mittigem, ovalen Endrohr bei. Dazu gab es einen Wolfsburg West-Okrasa-Kit, zwei im Duett arbeitende Solex 32Pbic-Vergaser und einen Bosch 010-Zündverteiler – macht unterm Strich muntere 45 PS. Ein noch stärkerer Motor, ebenfalls auf 30-PS-Basis, ist übrigens bereits in Arbeit: In Kooperation mit Ahnendorp B.A.S. wird derzeit ein knapp 70 PS starkes Triebwerk für Thomas‘ Ovali aufgebaut.

Dass in dessen Innenraum auch alle Zeichen auf „Rallye“ stehen, verwundert nicht: Thomas hat mit dem Käfer in den vergangenen drei Jahren seit seinem Roll-Out bei der Walberla Rallye 2022 mehr als 15.000 Kilometer zurückgelegt, davon viele auch im Rahmen von Histo-Rallyes und Community-Events. So sind Dämmung und jeglicher Komfort wie Thomas sagt auf „das Nötigste“ beschränkt. Die Sportsitze stammen aus einem Fiat 850 Sport Coupé und wurden für die Montage auf Käfer-Konsolen angepasst. Zur „Sicherheit“ – sofern man einem historischen Rallye-Auto von einer solchen sprechen kann – werden sie von einem Überrollbügel überspannt. Das 3-Speichen-Lenkrad stammt aus einem frühen Standard-Käfer, ein zentral im Cockpit integriertes Motometer-Rallye-Panel informiert über Drehzahl, Öldruck und Öltemperatur. Rechts davon: klassische Hanhart-Stoppuhren – wunderbar! Und hinten im Käfer? Na klar, eine Hazet-Werkzeugkiste.

Nach ähnlichem Schema wurde Holgers ebenfalls aus dem Baujahr 1957 stammender, rechtsgelenkter Käfer aufgebaut, wie der 45-jährige Werkzeugmacher erzählt: „Der Rechtslenker-Ovali war als angefangenes Projekt seit fast 20 Jahren im Freundeskreis unterwegs, wurde jedoch nie fertig gestellt. 2022 konnte ich den Wagen dann in komplett zerlegtem Zustand übernehmen, woraufhin Markus, Thomas und ich ihn wieder komplettierten. Da der Lack nicht mehr so toll war, entscheiden wir uns recht schnell, ebenfalls einen Old Speed-Renner zu bauen, so wie Thomas schon einen hatte. Thomas hat das Auto dann teillackiert und die „Esso“-Grafiken und 148er-Startnummern aufgemalt. Im Heck des Esso-Ovalis: ein 1,2-Liter-Typ 1, der dank zwei 28pci-Vergasern von Riechert und eines Ahnendorp B.A.S. Customsport-Edelstahl-Auspuff um eine Handvoll auf nun rund 35 PS zulegte.

Viele weitere Upgrades und Tuning-Parts haben die beiden Old Speed-Rallye-Käfer eins zu eins gemeinsam. So etwa die Kombination aus Porsche 356-Felgen der Größe 4,5×15 Zoll an vorne und Mangels 356-Felgen in einen Zoll breiteren 5,5×15 Zoll hinten – jeweils mit Vredestein Classic-Bereifung in 155/80R15 an der Lenk- und 165/80R15 an der Antriebsachse. Ebenfalls wurden beide Ovalis mit höhenverstellbaren Vorderachsen samt verstellbaren Spax–Dämpfern vorne und den werksseitigen Drehstäben mit roten Koni-Dämpfern samt Flop Stops hinten tiefergelegt. Thomas‘ Auto erhielt ferner noch einen 14-Millimeter-Stabi und einen originalen EMPI-Camber Compensator. Darüber hinaus wurden alle Bremsen auf die ab dem Modelljahr 1958 eingesetzten kraftvolleren Anlagen „aktualisiert“.
Einfach herrlich, diese beiden knapp 70 Jahre alten Old Speed-Ovalis in ihrem natürlichen Lebensraum beobachten zu dürfen!

