Der M 2002

Er war zweifelsohne DER vierrädrige Star des diesjährigen BMW-Syndikat Asphaltfieber-Treffens: Der silberne BMW 02 von Georg Schuster war bei diesem Mega-Event der BMW-Tuning-Szene praktisch in aller Munde. Und dass, obwohl der kleine Oldie nahezu die ganze Zeit still in seiner Ecke am Rande des Flugplatzes Obermehler Schlotheim parkte und weder an den 1/4-Meilen-Rennen noch an der fortwährenden Show-Polonaise rund um das Event-Areal teilnahm.
Kein Wunder, weiß der „M 2002“, der diese ungewohnte Bezeichnung übrigens völlig zurecht trägt, durch seinen einzigartigen Charakter doch praktisch allen unterschiedlichen Fraktionen der BMW-Community gleichermaßen zu gefallen: Freunde historischen Tunings begeistert sein zeitgenössischer Gruppe 2-Breitbau, die Stance&Wheels-Jünger lieben seinen originalen BBS-Magnesium-Radsatz und die Performance- und Rennsport-Fans lieben die Installation eines mit Motorsport-Parts komplett aufgebauten S14B25-Triebwerks vom E30 M3 Sport Evolution. Im Innenraum schließlich erfreut die nahtlose Verbindung historischer und moderner Stilelemente das Ästheten-Herz. Angesichts der Stimmigkeit dieses Tuning-Projekts vergessen selbst hartgesottene Originalitäts-Fanatiker ihre Verbohrtheit und nicken immerhin anerkennend mit dem Kopf.

Georg Schuster, ein 33-jähriger Kfz-Mechaniker, der in Oberhaching vor den Toren der „BMW-Metropole“ München beheimatet ist und als Nationalität tatsächlich „Bayer“ in unser Datenblatt schrieb, realisierte das außergewöhnlich Fahrzeug im Rahmen der Vollrestaurierung eines in katastrophalem Zustand befindlichen 1974er 1502, welcher damit vor dem sicheren Schrottplatz-Tot bewahrt wurde. Mit Rat und Tat zur Seite stand Georg beim unter dem Label „Renntechnik Schuster“ vorgenommenen Neuaufbau sein Vater, ein erfahrener Motorsport-Haudegen, der vor Jahrzehnten bereits einen heißen NSU TT bei Bergrennen über die Hänge hetzte.

Gruppe 2-Breitbau

An jene Zeiten erinnert auch der Gruppe 2-Breitbau, den Vater und Sohn Schuster mit modifizierten Nachbauten der originalen Gruppe 2-Parts realisierten, welche BMW Motorsport in den 1970er Jahren im Rennsport verwendete. Markant ins Auge fällt neben den GFK-Kotflügelverbreiterungen an beiden Achsen insbesondere der aus gleichem Material gefertigte Frontspoiler, welcher die originale Stoßstange komplett ersetzt. Achtern entfiel die werksseitige Stoßstange gleich ersatzlos. Die zurückgebliebenen Löcher wurden vor der Komplettlackierung des Zweitürers in Silber metallic aus einer Mercedes-Benz-Farbkarte sauber verschlossen. Deutlich sichbar sind hingegen die Verschraubungen der Verbreiterungen und des Frontspoilers – denn so war das in den 1970ern und damit lange vor Rocket Bunny, Liberty Walk und Co. üblich.

BBS Magnesium-Rennsport-Felgen

Dass die üppig ausgestellten Kotflügel sich mit den werksseitigen Rädchen – beim 2002 waren das 4,5×13-Zöller mit 165SR13 – nicht zufrieden geben würden, lag auf der Hand. Georg aber machte keine halben Sachen, sondern füllte die Radhäuser mit extrem raren BBS E50-Rennsport-Dreiteilern, welche sich aus goldenen Magnesium-Kreuzspeichen-Sternen sowie auf Hochglanz polierten Aluminium-Stufenbetten zusammensetzen. Vorne betragen die Dimensionen 9×16 Zoll mit Dunlop SP 9000-Bereifung in 225/40R16 sowie hinten sogar 11×16 Zoll mit 255/35R16 – extrem niedrige Einpresstiefen on top!
Während die vordere Aufhängung „nur“ auf voll einstellbare Bilstein-Gewindefederbeine umgerüstet wurde, musste das hintere 02-Chassis, welches Federn und Dämpfer bekanntlich noch getrennt trug, aufwändig umgebaut werden. Einzug hielt eine E21 323i-Hinterachse mitsamt Bremsanlage, zudem wurden Eigenbau-Dome zur Aufnahme der Federbeine in die 02-Karosserie eingearbeitet. Die vorderen Bremsen stammen übrigens aus einem Porsche 993 Carrera und wirken mit 4-Kolben-Sätteln auf gelochte 322-Millimeter-Scheiben ein.

311 PS dank M3 Sport Evolution-Triebwerk mit Rennsport-Parts

Lässt Georg die 02-Motorhaube nach oben schwingen, wo sie übrigens standesgemäß von einer Carbon-Stange gehalten wird, identifizieren BMW-Kenner sofort das S14-Aggregat des legendären Tourenwagens E30 M3 und rollen angesichts dessen verzückt mit den Augen. Noch weitaus größer werden diese allerdings, wenn Georg dann – aufgrund seiner zurückhaltenden Art erst auf Nachfrage – erwähnt, dass es sich hierbei um einen mit allerlei exklusiven Rennsport-Parts leistungsgesteigerten S14B25 vom extrem seltenen E30 M3 Sport Evolution handelt. Da dieser Kultmotor im Ganzen praktisch nicht zu bekommen ist, baute sich der passionierte Schrauber das 2,5-Liter-Aggregat unter Verwendung neu und gebraucht aufgetriebener Komponenten kurzerhand selbst auf. In diesem Zuge wurden auch gleich die Ein- und Auslasskanäle vergrößert und poliert. Bei den beweglichen Motor-Innereien handelt es sich durchweg um feinste Schmiede-Parts: eine erleicherte und feingewuchtete Kurbelwelle, Wössner-Kolben auf Pauter-Pleueln und so weiter. Scharfe BMW Motorsport-Nockenwellen lassen die vom E34 M5 stammenden und damit etwas größeren Ventile tanzen, die Hydrostößel wurden durch rein mechanische ersetzt. Besonders prominent in Szene setzt sich die aus Carbon gefertigte Einheit aus Carbon-Airbox und -Ansaugbrücke, bei welcher es sich um ein originales DTM-Bauteil handelt. Gesteuert wird das in einem gecleanten und auslackierten Ambiente äußert appetitlich angerichtete Triebwerk von einem frei programmierbaren MBE-Steuergerät, welches unter anderem auch der elektronischen Wasserpumpe den Takt vorgibt. Die heißen Verbrennungabgase entweichen geräuschvoll durch eine aus Edelstahl nach Maß angefertigte Auspuffanlage, die sich an einen E30 M3-Krümmer anschließt und in einen mittigen Endschalldämpfer mündet. Die Faszination dieses Motors kann man nicht in Zahlen fassen – und doch wollen wir sie der Vollständigkeit halber nennen: Genau 311 PS entstehen hier, die auf ein Fahrzeug-Leergewicht von nur 860 Kilogramm treffen, woraus ein Leistungsgewicht von 2,77 kg/PS resultiert. Zum Vergleich: Das für sein niedriges Leistungsgewicht viel gelobte M4 GTS-Tracktool schleppt gut 3,0 kg/PS mit sich herum. Auch in Sachen Drehzahl düpiert Georgs „M 2002“ die aktuellen Modelle: einen Drehzahlbegrenzer hat er erst bei 8.700 U/min einprogrammiert, schadlos vertragen würde der Rennsport-Vierzylinder locker auch 9.000 Touren.
An die Hinterachse geleitet werden die Antriebskräfte via eines 5-Gang-Schaltgetriebes aus dem E30 M3, dessen Installation eine erhebliche Vergrößerung des Getriebetunnels erforderte.

Leder-Carbon-Kombination im Interieur

Letztere spiegelt sich – allerdings nur für Kenner sichtbar – auch im zwar spartanischen, nichtsdestoweniger aber hochwertigen Cockpit wieder, bedingte sie doch die Konstruktion einer neuen Mittelkonsole. Selbige besteht heute weitgehend aus hellem Carbon, welches sich auch am minimalistischen Instrumententräger wiederfindet: Durch das geschüsselte Momo-Motorsport-Lenkrad blickt Georg auf ein Stack-Renndisplay mit analogem Drehzahlmesser und einer zweizeiligen Digitalanzeige für alle weiteren Betriebsparameter. Gänzlich serienmäßig sind in Form und Farbe die Türverkleidungen! An ihren Blau-Violett-Ton passte Georg den kompletten Rest des Interieurs an. Fündig wurde er bei diesem Unterfangen in der Porsche-Sattlerei, wo er jenes farblich passende Leder auftrieb, mit welchem anschließend neben den Recaro Pole Position-Sportsitzen und Teilen der Rücksitzbank auch das Armaturenbrett und die Seitenteile der Mittekonsole bezogen wurden. Der Silberton der Karosserie und des Innenraum-Carbons greifen die Schroth-Gurte wieder auf, während der Dachhimmel sowie die Sitz-und Rückenflächen der Rücksitzbank mit Alcantara bezogen wurden.

Was sollen wir noch sagen? Ein absoluter Star der BMW-Tuning-Szene!

Technical Facts

BMW M 2002 (Basis 1502)

Baujahr: 1974

Karosserie: verbreitert auf Gruppe 2-Look (GFK-Stoßstange vorne, GFK-Kotflügelverbreiterungen), Heckstoßstange entfernt und gecleant, Lackierung in Silber metallic (744) von Mercedes-Benz

Motor: 2,5-Liter-Vierzylindermotor S14B25 (vom E30 M3 Sport Evolution), Einlass- und Auslasskanäle vergrößert und poliert, Verdichtung erhöht, geschmiedete und erleichterte sowie feingewuchtete Kurbelwelle, geschmiedete Pauter-Pleuel, geschmiedete Wössner-Kolben, scharfe BMW Motorsport-Nockenwellen, E34 M5-Ventile, mechanische Stößel, originale DTM-Carbon-Airbox und -Ansaugbrücke, Ölwanne vergrößert, elektronische Wasserpumpe, frei programmierbare MBE-Steuerung, E30 M3-Abgaskrümmer, Eigenbau-Abgasanlage ab Krümmer, Motorraum gecleant (Batterie und Kühlwasserbehälter in den Kofferraum verlegt), 311 PS

Bremsen: VA 4-Kolben-Bremsanlage mit 322-mm-Scheiben vom Porsche 993, HA 1-Kolben-Bremsanlage vom BMW E21 323i mit 258-mm-Scheiben

Kraftübertragung: 5-Gang-Schaltgetriebe vom E30 M3, Getriebetunnel vergrößert

Fahrwerk: Hinterachse komplett auf E21 323i umgebaut und Federbeindome eingeschweißt, voll einstellbares Bilstein-Gewindefahrwerk

Rad/Reifen: dreiteilige BBS E50 Magnesium-Rennsportfelgen in 9×16 und 11×16 Zoll, Dunlop SP 9000-Bereifung in 225/40R16 und 255/35R16

Innenraum: neu bezogene Recaro Pole Position-Leder-Schalensitze, silberne Schroth-Gurte, Rücksitzbank mit Leder/Alcantara-Kombination bezogen, Alcantara-Dachhimmel, Armaturenbrett mit Leder bezogen, Custom-Instrumententräger mit analogem/digitalem Stack-Renndisplay, Custom-Mittelkonsole mit Carbon-Verkleidung, Momo-Motorsport-Lenkrad, BMW M-Schaltknauf

Musikanlage: überflüssig, da nicht hörbar